An einem trüben Morgen im Oktober 2011 wurde ich den Mitarbeitenden von swiss unihockey so vorgestellt: «Das ist Daniel Kasser. Viele haben Bedenken, weil Daniel nicht vom Unihockey kommt, aber wir denken, dass er der Aufgabe des Geschäftsführers der WM 2012 trotzdem gewachsen ist». «Trotzdem» hat er gesagt, ein Teil von mir wäre am liebsten wieder gegangen. Einige der Mitarbeitenden wirkten auf mich müde und abgeschlagen. Die kurz bevorstehende Frauen Heim-WM in St. Gallen musste neben dem eigentlichen Tagesgeschäft organisiert werden. Kein Wunder, dass sich die Mitarbeitenden nicht besonders für die Heim WM im nächsten Jahr interessierten, geschweige denn, wer dafür verantwortlich ist.

Es würde eine der wichtigsten Aufgaben für mich sein, das Team unmittelbar nach der überstandenen Frauen-WM für die Organisation der Männer-WM zu motivieren. Das habe ich dann mit Vollgas vermasselt. Ich damals, 27 Jahre alt, soeben zurückgekehrt von einem Jahr beim NFL-Team der Seattle Seahawks, fasziniert und beseelt von der amerikanischen Art der Sport- und Eventinszenierung. Getrieben davon, das auch in der Schweiz zu tun. Mit Unihockey.

Im Januar 2012 lud ich das ganze Team ins Hallenstadion nach Oerlikon ein. Bevor ich ihnen auf einem Rundgang die Arena für das Finalwochenende zeigen wollte, hatte ich eine motivierende Präsentation geplant. Vielleicht ein bisschen so wie Al Pacino im Football-Epos «Any Given Sunday», soweit jedenfalls meine Vorstellung. Das interne Motto der Frauen WM 2011 lautete «Eine WM für die Teams». Also Sport first, Entertainment second. Auf meinem allerersten Slide stand «WM 2012 – Eine WM für die Zuschauer». Das Gegenteil vom bisherigen.

Ich würde mich als pragmatische, eher zurückhaltende Person bezeichnen. Weshalb nur habe ich damals dennoch zum Zweihänder gegriffen? Wahrscheinlich ging es mir nach dem harzigen Start darum, zu beweisen, dass ich etwas draufhabe. Trotz (oder wegen?) fehlender Unihockey-Kompetenz. Eigentlich ok, einfach idiotisch umgesetzt. Anstatt wie geplant als Al Pacino mit dem hochmotivierten Team aufs Feld zu stürmen, blieben wir in der Garderobe sitzen. Diejenigen, welche mir gegenüber ohnehin skeptisch waren, fanden mich nun noch ätzender und die anderen haben sich wohl gefragt, was das soll. Dabei gab es genügend Argumente und Gelegenheiten, mit meinen Ideen zu überzeugen. Ohne grosse Worte und ohne andere Meinungen zu brüskieren. In den darauffolgenden Jahren habe ich gelernt, dass Unihockey genau so funktioniert. Und dass Unihockey deswegen erfolgreich ist.

Die positive Weiterentwicklung der Sportart steht bei den Unihockeyanern an oberster Stelle. Bei wichtigen Entscheidungen wird das Eigeninteresse zugunsten des Fortschritts zurückgestellt. Lieber selbst etwas leiser sein und dafür gemeinsam viel bewegen. Dies mit einer gesunden Portion Selbstvertrauen, Offenheit und Innovationsgeist, aber eben auch mit Demut und Respekt. Es wäre der grösste Fehler für den Unihockeysport, diese Einstellung aufzugeben. Mit dem Wachstum der letzten Jahre ergeben sich neue Möglichkeiten und dadurch auch Verlockungen. Das Unihockey wird sich dadurch verändern. Die Werte aber sollen dieselben bleiben.

Knapp 10 Jahre nach dem Tiefpunkt im Hallenstadion stehe ich eigentlich an einem ähnlichen Punkt wie damals: In rund einem Jahr soll eine Grossveranstaltung über die Bühne. Die Vorzeichen sind diesmal anders. Das Budget ist das Dreifache gegenüber 2012. Unihockey hat in den letzten 10 Jahren in den Bereichen Bekanntheit, mediale Präsenz und politischer Bedeutung enorm zulegen können. Das Team besteht aus erfahrenen Vollprofis. Dies macht vieles einfacher, grösser, strahlender. Aber eben, die Werte und die Grundeinstellung bleiben die gleichen. Niemals ausruhen, stets zuhören, aus Fehlern lernen und respektvoll auf den nächsten Schritt hinarbeiten und das Maximum aus allem herausholen. Wenn wir weiterhin auf alle zählen können, kommt das gut. WM 2022 – Eine WM für alle.

Und was passierte nach meinem denkwürdigen Auftritt Anfangs 2012? In den darauffolgenden Monaten habe ich mich dann trotzdem mit den meisten gefunden, irgendwie, halt auf unterschiedlichen Ebenen. Das Entertainment blieb bis zuletzt ein heikles Thema. «Die Show» (oh ja, die hatten wir) gefiel natürlich nicht allen. Von «reichlich Brimborium» und «Animatoren wie überdrehte Marktschreier» schrieb beispielsweise eine grosse Tageszeitung. Ok, Schweiz ist halt doch nicht ganz USA. Am Ausbau der Inszenierung haben wir danach dennoch festgehalten und in den letzten Jahren damit einige Erfolge feiern dürfen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Autor

Daniel Kasser, Geschäftsführer der WM 2022

Die WM 2022 ist nicht sein erstes Rodeo, wie man so schön sagt. Bereits bei der WM 2012 hatte er die Rolle des Geschäftsführers inne und seither hat das Unihockey Dani nicht mehr losgelassen. Nach 10 Jahren im Business, davon 6 als Leiter Marketing und Events, hat er die ein oder andere gute Story auf Lager, die er mit uns teilen wird.

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